Keine Kunst ohne Körper
– aber auch: keine Politik ohne denselben.
Keine körperlose Politik.
Während erstere – die Kunst – stets in irgendeiner Weise
Ausdruck eines Körpers (nicht nur, aber eben immer auch)
gewesen sein wird, schreibt sich das Politische dagegen in den
Körper ein. Der Körper wird geformt mit Hilfe von Regeln und
dadurch (politisch) bestimmt in seiner Macht und Ohnmacht.
Auf diese Weise entsteht der Körper des Politischen, die
Verkörperung des Politischen im Sinne der Inkarnation einer
Idee. Es entsteht der Körper des Rechts und des Unrechts.
Doch nicht nur. Die Einschreibung des Politischen in den Körper
lässt diesen nicht einfach passiv zurück. Er wird damit zugleich
zum politischen Körper – und damit zum Ort eines Ausdrucks,
der sich den herrschenden Regeln entweder fügt oder ihnen
widersteht.
Es ist dieser politische Körper, der auch am Anfang der Kunst,
am Beginn jedes künstlerischen Aktes steht, verkörpert im Körper
des Künstlers/der Künstlerin. Am künstlerischen Ausdruck wird
es daher stets möglich sein, nicht zuletzt auch das Politische, das
den Körper des Künstlers/der Künstlerin prägt, sichtbar werden
zu lassen und damit in gewisser Weise auch zu entlarven – gewollt
oder nicht.
Doch der künstlerische Akt steht nicht außerhalb, nicht über
dem Politischen, das sich in ihm entlarvt. Bereits der Schrägstrich,
der es scheinbar notwendig macht, die Körper des Künstlers und
der Künstlerin zu trennen, fügt das Politische erneut und diesmal
unwiderruflich in die Kunst und ihren Ausdruck ein (– nicht
nur, aber eben immer auch).
Die Entlarvung des Politischen durch den künstlerischen
Ausdruck bleibt demnach also stets unvollständig, muss unvollständig
bleiben. Diese Entlarvung bedarf vielmehr stets auch
der Kritik ihrer eigenen Konstruktion.
¶ sklAVin – Don’t cry. work! – ist ein Projekt, das in
diesen (Selbst-)Entlarvungsprozess, der in jedem körperlichen
Ausdruck am Werk ist, aktiv einzugreifen sucht und dabei den
Zusammenhang von Politik und Körper nicht bloß thematisiert,
sondern in seiner Struktur gerade dadurch aktiv zur Schau stellt,
dass die Künstlerin diesen Zusammenhang an sich »verkörpert«.
Das Projekt, unter dem Titel »Sklavin« die eigene Arbeitskraft
zur Verfügung zu stellen, ist von Anfang an nur durch eine
Reglementierung des Körpers zu verwirklichen. Sklavin ist man
nicht. Sklavin wird frau/man durch die Unterwerfung des Körpers
(oder dessen Unterworfenwerden) unter Regeln, die eine bestimmte
Politik der Körper bestimmt. Don’t cry. work! inszeniert
eine solche Politik im Erfahrungsraum der Arbeit –
und zwar einer Arbeit um des (leiblichen) Überlebens willen.Arbeit für Nahrung heißt das Angebot – auch wenn der »Arbeitsvertrag
« es offen lässt, in welchem Verhältnis Arbeitsleistung
und erarbeitete »Belohnung« stehen. Es wird daher nicht ein
bestimmtes ökonomisches Modell inszeniert und auch keinerlei
Augenmerk auf eine etwaige Produktivität gelegt. Der (Politikbzw.
Recht-setzende) »Arbeitsvertrag« sucht lediglich die körperliche
Unversehrtheit der Sklavin zu sichern. Die Sklavin unterwirft
sich innerhalb dieser rudimentären Grenzen der Politik ihrer
Arbeitgeber, die ihrerseits – unter welchen politischen Hinsichten
auch immer – auf den angebotenen Körper angewiesen sind.
Keine Politik ohne Körper, in die sie sich einschreibt.
Zwingt die Sklavin auf diese Weise mit dem Einsatz ihres
Körpers ihre potentiellen Arbeitgeber nicht zur Offenlegung
ihrer politischen Haltung, zur Offenlegung ihres Umgangs mit
dem Körper des/der Anderen? Der Zusammenhang von Körper
und Politik, von Politik und Körper würde hier an einem der
Ökonomie und ihrem körperlosen Wertesystem weitgehend
entzogenen Beispiel thematisiert und erfahrbar.
¶ Vielleicht liegt jedoch das Entscheidende an diesem Projekt,
dessen Ablauf in vielem einer politisch, ethisch oder sozial motivierten
Aufklärungsaktion vergleichbar scheint, in der in diesem
Band nun vorgelegten tagebuchartigen Dokumentation, sowie
den darin enthaltenen (Selbst-)Reflexionen, vor allem aber in der
Wahrnehmung des letztendlichen Scheiterns des sozialromantisch
angelegten Settings und der erst dadurch erkennbaren Politisierung
des Körpers – noch diesseits der künstlerischen Performance …
¶ Der einer bestimmten Körperpolitik unterworfenen Sklavin
wird es – entgegen ihrem Bekenntnis im Arbeitsvertrag (» . Die
fmbh wird jede ihr gestellte Aufgabe erfüllen. Mit all ihren Kräften und
aus Überzeugung«) – doch nicht bloß um die Unversehrtheit des
Körpers gehen und ein dadurch garantiertes Überleben. Sie vermag
sich nicht damit zu begnügen. Dies wird im Fortgang der
Unterwerfung ihres Körpers an den Reflexionen über die »Politik«
ihrer Arbeitgeber vermehrt deutlich. Sie erfährt sich, ob sie es will
oder nicht, als ein aktiver politischer Körper, als Ort eines gezügelten
oder ungezügelten politischen Ausdrucks. Die Überzeugung
der Sklavin, ihre Beschränkung auf die eigene körperliche
Präsenz macht vermittels der Erfahrung eben dieses Körpers
im Raum des Politischen eine Veränderung durch. Das (zunächst
sogar selbstgewählte) politische Setting vermag die eigene
»Überzeugung« nicht mehr fraglos zu repräsentieren. Es ist der
Körper, der das Politische in Frage gestellt haben wird.
¶ In diesem Sinne ist der Körper nicht mehr einfach Objekt,
sondern vielmehr der originäre Ort des Politischen und einer zukünftigen
Politik – selbst dort, wo die gegenwärtigen Regeln
anderes zu sagen versuchen.
Peter Zeillinger