Radikale

von Ulrike Syha|Uraufführung (Auftragswerk)
Regie
2. 2. 2012
Schauspiel Chemnitz
Auftragswerk der Theater Chemnitz

Einladung zu den Autorentheatertagen 2012, an das Deutsche Theater Berlin.

Gerhild Steinbuch
Bin das jetzt ich?
- zu Radikale von Ulrike Syha -

Für mich ist ein guter Text einer, dessen Autorin oder Autor sich nicht schützt. So wird die eigene Welt im Schreiben größer als die kleine Kopfwelt, in die man Tag für Tag hineinschaut. Und ein guter Text, aus dem Theater werden kann, ist einer, der in der Übersetzung dieser eigenen vergrößerten Kopfwelt die Welt nicht wieder verkleinert, vereinfacht. Nur so macht der schreibende Mensch ein Angebot, das gleichzeitig konkret ist und Spielraum lässt für die Praxis, um sich einzuarbeiten, durchzuarbeiten, auch: abzuarbeiten und vielleicht zu scheitern. Aber ein Dagegenrennen, ein den-Kopf-blutig-Schlagen, das ist immerhin was, und es hat für mich mehr mit Theater zu tun als eine Sache, die glatt abschnurrt, weil es ja die Körper sind, die immer wieder gegen den Text knallen und knallen müssen. Wenn diese Körper in keinen Konflikt geraten mit den Sätzen, wenn die nur durch die Körper durchrinnen, dann brauche ich kein Theater.

Lese ich „Radikale“, befinde ich mich sofort in einer Welt, meiner Welt, durch die ich mich fast täglich bewege und die ich von mir fernhalte, damit mich ihre Menschen nicht verschlingen, weil sie viel zu nahe kommen. Ich halte meine Gedanken säuberlich getrennt von ihren; trotzdem sind sie da, sind immer da, ich kann sie riechen, sie berühren mich, ob ich will oder nicht, wir geraten aneinander und ineinander, körperlich, morgens oder abends, wenn die Bahn besonders voll ist, aber ich kann eine Grenze ziehen: Das, was ich denke, die Welt in meinem Kopf, auf die ich zusammenschrumpfe, wenn ich mich aus dem Körper zurückziehen muss, weil die Umgebung ihm zu nahe kommt, ihn ein- und übernimmt, die gehört bloß mir.

Dieser eigene Raum ist in Radikale aufgehoben. Alles dringt in alles ein, rutscht ineinander und überlagert sich, wie die Gerüche der anderen Menschen oder die Wärme ihrer Körper mit mir. Ich kann keinen Gedanken mehr für mich zu Ende denken, und die Illusion einer eigenen Geschichte, die was Besonderes ist, die darf ich mir getrost abschminken: Wenn jemand spricht (wer ist dieser jemand?) weiß ich nicht, ob er über die anderen spricht, über mich oder über sich selbst in der dritten Person. Je genauer man etwas anschaut, desto größer die Distanz dazu. Das interessiert mich auch jetzt, da aus dem Text Theater wird. Durch die Körper, die mir beim Lesen fehlen, werden für mich wieder Grenzen sichtbar, das, was beim Lesen in meine Sphäre eindringt, wird zurückgedrängt, die Sprache kommt aus einer Form, weil sie aus einem Körper kommt, einen Körper hat, die Welt erscheint geordneter. Die Außensicht, die mir gefehlt hat, kehrt zu mir zurück: Wer sind diese Menschen, die sprechen? Mit wem sprechen sie und über wen? Meinen die sich oder den anderen? Ich beobachte, und mein Versuch, mich anzudocken, rutscht erst mal ab. Ich komme nicht durch die Sprache durch, die immer weiterrattert und nicht an die Figuren dahinter ran, kann nichts in sie hineinprojizieren, weil ich mir nie sicher bin, wen sie meinen, wer sie sind, wenn sie sprechen. Wer ist denn das Ich, bin das jetzt ich? Wo ich beim Lesen noch mittendrin war, schaue ich jetzt einer Welt zu, von der ich nicht weiß, wie ich ihr begegnen soll, weil das, was ich kenne, nämlich dass man mich in eine Geschichte hineinerzählt, hinter der ich verschwinden kann, hier nicht funktioniert.

Ich stelle mir also diese Fragen, scheitere, sehe auf den Proben, wie der Text behutsam abgeklopft wird, sehe den Schauspielern zu und dann den Schauspielern und den Statisten und versuche mich zu identifizieren und bleibe immer außen, eine Beobachterin - und dann verstehe ich plötzlich etwas. Wer da spricht, das sind keine Figuren. Jeder könnte hier sprechen und jeder spricht. Manchen wird der Kopf aufgemacht und wir schauen hinein, aber in die anderen schauen wir genauso hinein, wir schauen in alle hinein. Wenn man nicht anerkennt (anerkennen will, anerkennen kann), wer man ist, dann spricht man von sich in der dritten Person, man macht einen Ausflug an die Decke. Ich komme also nicht rein in die sogenannte Geschichte, in die sogenannte Figur, weil beides an mir auseinanderbricht, weil ich an das erinnert werde, was ich an mir nicht ertrage, genauso wenig, wie ich andere ertrage, ihnen unterstelle, dass sie übergriffig sind, dass sie mir zu nahe kommen, weil sie mehr mit mir zu tun haben, als mir lieb ist. Dass aus dem Text Theater wird, macht mir diesen Vorgang offensichtlich, ich bleibe außen, und ich sehe endlich einmal was, sehe etwas außerhalb meiner begrenzten kleinen Welt, die ich mir hübsch einrichten kann, sehe, dass es eine Illusion ist, dass da eine Grenze besteht zwischen mir und den andren, eine Illusion, die ich mir täglich mühsam aufrechtzuerhalten versuche und die jetzt kaputt geht, die mich körperlich angeht, gerade weil mir niemand das Einfühlen aufzwingt, weder Text, noch Regie. Ich kriege eine Außensicht auf meine blöde Angst, mehr, als mir lieb ist. Das, was auf der Bühne passiert, hat eine direkte Wirkung auf mich und sagt was über mich und über die Welt um mich herum, und ich komme nicht weg, obwohl ich doch nur beobachte - so findet für mich eine Übersetzung statt, die mich verkleinert, die sonst nichts verkleinert; dafür brauche ich Theater.

 

 

Regie              Dieter Boyer
Ausstattung     Ralph Zeger
Dramaturgie    Esther Holland-Merten

mit

Ulrike Euen
Muriel Wenger
Tilo Krügel
Dirk Lange
Karl-Sebastian Liebich
Michael Pempelforth
Statisterie

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©2017 Dieter Boyer