Fracht (Nautisches Denken I-IV)

von Ulrike Syha|Uraufführung (Auftragswerk)
Regie
6. 2. 2010
Schauspiel Chemnitz

Nach "Privatleben", einer unserer erfolgreichsten Inszenierungen der letzten Spielzeit, die zudem zu den renommierten Mülheimer Theatertagen 2009 eingeladen wurde, haben die Theater Chemnitz einen zweiten Stückauftrag an die Autorin Ulrike Syha vergeben. Piraterie auf den Weltmeeren und dazwischen vier Menschen mit ihren Geschichten. Jeder für sich wartet auf einem Flughafen auf den Start seiner Maschine. Ähnlich den Routen der abertausend Schiffe, die täglich Waren über das Wasser transportieren, wird ein Netz aus Lebenslinien und Fluchtbahnen der vier namenlos Bleibenden gesponnen.Sie sind Finanz-, Versicherungs-, PR-Berater und eine Dolmetscherin. Sie haben nichts miteinander zu tun, aber mit einem kleinen Faden sind alle vier mit dem aktuellen Ereignis der Entführung eines Öltankers verbunden. Sie sind Vertreter eines "nautischen Denkens", das für Globalisierung steht, für weltumspannende Ökonomie, für Strategie und auch Größenwahn. Gleichzeitig schlingern sie isoliert und orientierungslos durch ihr eigenes Leben: Ob es der nach Jahren wiedergefundene Sohn ist, die Entzweiung aufgrund von immer ersehnter Selbstverwirklichung, die Illusion eines Soziallebens nach einer Scheidung oder die Bodenlosigkeit im Transferraum von einer Nation zur nächsten, die Figuren haben kaum mehr eine Handbreit Wasser unterm Kiel oder stehen kurz vor dem Kentern. Ulrike Syha nimmt ein Politikum zum Ausgangspunkt ihres neuen Stückes, das sich in die privaten Gefilde der Weltbürger-Protagonisten vorwagt und eine Tendenz der Verdörflichung angesichts unserer nahezu grenzenlos gewordenen Welt beschreibt.
Auftragswerk der Theater Chemnitz

Esther Holland-Merten im Gespräch mit dem Regisseur Dieter Boyer
Du hast im letzten Jahr „Privatleben“ inszeniert. Ist „Fracht“ eine Art Fortsetzung der in „Privatleben“ begonnen Geschichten und Figuren, also inhaltlich?
Es ist mehr die Fortsetzung einer Arbeit, eines Blickes auf die Welt, als die Fortsetzung von Geschichten und Figuren. Ulrike Syha ist eine humorvolle Beobachterin der Welt. Diesmal richtet sich ihr Blick mehr auf die öffentlichen Seiten der Menschen als auf die privaten. Man scheint in einem Selbstmarketing angekommen zu sein, das einem permanenten öffentlich seingeschuldet ist.

Was macht das mit den Figuren? Welche Fragen wirft das für deine Inszenierung auf?
Fracht ist ein Stück in dem sich Figuren nie wirklich begegnen, oft gar nichts miteinander zu tun haben (wollen) sondern sich nur selber zu Markte tragen. Da muss man sich Fragen, warum das so ist oder noch besser: warum es so „normal“ ist, dass Menschen sich nur wie zufällige Passanten begegnen.

Vier Schauspieler spielen 60 Rollen, unzählige Spielorte folgen dicht aufeinander? Wie geht man damit um?
Also, wenn Menschen sich gegenseitig eh nur Passanten sind und die Ekstase der einzige potentielle Ort der Erfüllung ist (bis zur nächsten Ekstase) dann reicht eine kurze Begegnung mit einer Figur doch völlig aus – oder!? Glück ist ja heute auch kein Begriff für einen andauernden Zustand, es ist ein Begriff für ein Ereignis. Und das Ereignis zeichnet sich durch eine Besonderheit aus – diese eine Besonderheit gilt es eben in ihrer Singularität für Figuren und Situationen zu suchen.

Handelt es sich also Glückssuchende?
Die Figuren sind alle irgendwie fähig für sich ein Glück herzustellen. Das passiert durch konsequentes Ausblenden, durch einen begrenzten Blick auf Mitmenschen und Umwelt. Irgendwie macht einen das Glück dieser Figuren traurig.

Die Figuren im Stück haben keine Namen, sondern sind allesamt Berater, Dolmetscherin... also durch ihre Berufe bezeichnet.
Ich sehe die Berufsbezeichnungen als Platzhalter, als Zeichen dafür, dass es Menschen sind die heute in einer westlichen Gesellschaft leben, in der das Selbstmarketing wichtiger Bestandteil des Lebens ist.

Sind es Figuren, in denen sich jeder Mensch wieder erkennen kann? Oder leben die Figuren in einer speziellen Welt?
Ich denke, so langweilig kann man gar nicht sein, dass man nicht in einer speziellen Welt lebt. Niemand ist allgemeingültig und ein sich wieder erkennenin einem anderen ist doch meist nur ein verkennen das anderen.

Du hast mit deinem Ausstatter die besondere Bühnensituation geschaffen, in der vier Schauspieler auf einem Meter tiefe und sieben Meter Bühnenbreite spielen. Wie ist diese Entscheidung zustande gekommen?
Tiefe wird nicht zugelassen. Intimität ist schon möglich, aber nur als vorübergehendes Ereignis. Alles ist temporär, jede Begegnung die Vorbereitung auf die nächste, bessere, die noch bevorsteht, da ist keine Zeit für einander, wozu soll man denn da Raum geben!? Die sollen schön an der Oberfläche – also Bühnenrampe - bleiben.

Du inszenierst sehr häufig Texte von jungen Autoren. Zuletzt in Mannheim „faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“ von Ewald Palmetshofer und bist seit Jahren als Mentor vieler Autoren tätig. Warum magst Du die Arbeit an neuen Texten bzw. mit jungen Dramatikern?
Neue Dramatik ist einfach großartig! Ich liebe die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst! Das Risiko, das man eingeht, wenn man sich etwas Unerprobtem nähert ist eine wunderbare Bereicherung. Das erste Mal einen künstlerischen Weg zu beschreiten ist ein Privileg! 
Ich bin unsagbar neugierig auf Menschen, ich glaube daraus speist sich auch mein inszenieren und diese Neugierde richtet sich eben nicht nur auf SchauspielerInnen, sondern auch auf AutorInnen. Ich habe höchste Achtung vor Menschen die mir ihre Kreationsprozesse öffnen, ich weiß wie intim das ist und wie verletzlich man da ist – daran Teil haben zu dürfen, so persönliche Welten geöffnet zu bekommen, dafür bin ich dankbar.

berater 1 Bernd Michael Baier
berater 2 Karl Sebastian Liebich
berater 3 (weiblich) Bettina Schmidt
simultandolmetscherin Julia Berke
der sohn Karl Sebastian Liebich
ludmilla  Bettina Schmidt
eine blonde tv-sprecherin Julia Berke
eine wütende weibliche stimme auf dem anrufbeantworter (chefin) Julia Berke
sekretärin Bernd-Michael Baier
albert Bettina Schmidt
eine nette Wahlhelferin Julia Berke
experte 1 Bernd-Michael Baier
experte 2 Karl Sebastian Liebich
experte 3 Bettina Schmidt
gabor Julia Berke
die chefin von wagenbrecher & söhne Julia Berke
jason connor Karl Sebastian Liebich
jason connor II Bernd-Michael Baier
franziska  Julia Berke
die nachbarin von oben Bettina Schmidt
die rechtsanwaltsgehilfin Bettina Schmidt
die bäckerin Bettina Schmidt
herr weber von der vertragswerkstatt Bernd-Michael Baier
die hotelfachfrau an der rezeption  Karl Sebastian Liebich
eine gruppe bayern Karl Sebastian Liebich
ein dicker mann mit v-förmigem schweissfleck auf dem rücken Karl Sebastian Liebich
einer der bayern Karl Sebastian Liebich
ein rucksackreisender mit einer american express gold in der hand  Karl Sebastian Liebich
seine durchnässte, schlecht gelaunte begleiterin Karl Sebastian Liebich
ein jogger Karl Sebastian Liebich
eine junge frau mit dauerwelle und sari Karl Sebastian Liebich
kiran aus dem service Karl Sebastian Liebich
noch eine wütende weibliche stimme auf dem anrufbeantworter (franziska) Julia Berke
und noch eine (ex-schwiegermutter) Bettina Schmidt
eine freundliche dame vom bodenpersonal Julia Berke
ein freundlicher herr vom bodenpersonal Bernd-Michael Baier
ein nicht mehr ganz so freundlicher herr vom bodenpersonal Bernd-Michael Baier
eine wütende weibliche stimme auf dem anrufbeantworter (schwester) Bettina Schmidt
funker 1 Ralph Zeger
funker 2 Dieter Boyer 

Inszenierung Dieter Boyer
Ausstattung Ralph  Zeger
Dramaturgie Esther Holland-Merten
Regieassistenz/ Soufflage Alexa Hagedorn / Hospitant
Technische Leitung Jörg Bolte
Technische Einrichtung Ingo Friede
Requisite Thomas Seipold
Maske Anja Nickel

Fracht (Nautisches Denken I-IV)Fracht (Nautisches Denken I-IV)Fracht (Nautisches Denken I-IV)
©2017 Dieter Boyer