Ödipus, Tyrann

nach Hölderlin von Heiner Müller
Regie
29. 9. 2012
Schauspiel Chemnitz

DER HIMMEL IST LEER

(Interview von Esther Holland Merten mit Dieter Boyer)

Im Titel würdigt Heiner Müller die Autor- und Übersetzerschaft von Sophokles und Hölderlin, auf denen sein Text basiert. Woher kommt die Entscheidung, die Fassung Heiner Müllers zu realisieren?

Ich mag an der Müller-Fassung diese präzise, herbe Sprache. Müller ist nicht so romantisch wie Hölderlin, so wohlklingend und lautmalerisch. Stattdessen ist er präzise. Dort, wo es für die Figur hart ist zu sprechen, ist der Text auch hart. Man spürt die Mühe und den Abgrund des Geschehens auch in in der Sprache Müllers.

Der Mythos von Ödipus – fast „historisch“, der Zeit enthoben, scheint er. Was ist Dir daran nahe?

Es handelt sich bei Ödipus um eine der wenigen großen, dauerhaften Geschichten, die die Menschheit zu erzählen hat: Ein Mann versucht die Welt zu beherrschen, und dabei entkommt er dieser Welt nicht. Diese Unerbittlichkeit ist es, die mich interessiert. Man kann diese Unerbittlichkeit „Schicksal“ oder „Götter“ nennen. Aber in unserem säkularisierten Europa sind die Machtfaktoren dieser Unerbittlichkeit  einfach nur noch wir selber, die (Mit-)Menschen, die unsere Leben unerbittlich in die Katastrophe steuern.

Es sind große Begriffe, die der Text evoziert - Schicksal, Wahrheit, Götter...

Ich glaube nicht an Schicksal. Wahrheit ist eine hegemoniale Konstruktion. Und die Götter, die angeblich unser Schicksal bestimmen, sind tot. Der Himmel ist leer, heute besorgen wir Menschen uns das Schicksal gegenseitig.

...und Schuld.

Womit eine aufgeklärte Gesellschaft umgehen lernen muss, ist die Ohnmacht - Ohnmacht gegenüber grausamen ökonomischen und politischen Systemen und ebenso Ohnmacht gegenüber dem vollständigen Beherrschen und Verstehen der eigenen Handlungen und Gedanken. So etwas wie Schuld entsteht aus und trotz dieser Ohnmacht.

Was meint „Wahrheit ist eine hegemoniale Konstruktion“?

„Wahrheit“ ist von so vielen Faktoren abhängig - zeitlichen, räumlichen, kulturellen und vielen mehr. Stalin ist in Russland ein großer Held, Gandhi ist es in Indien, Assange ist es für die Web-Community und andernorts ist es die Wahrheit, dass Stalin ein Massenmörder ist, Assange ein Verbrecher und über Gandhi weiß sicher auch irgendwer etwas Wahres zu sagen, was ihn in keinem guten Licht erscheinen lassen würde. Was zu einer gewissen Zeit von gewissen Menschen als „wahr“ empfunden wird, ist viel mehr von den herrschenden Machtverhältnissen bestimmt als uns lieb ist. Es hat reichlich wenig mit der Realität zu tun. Es war ja auch ziemlich lange wahr, dass die Erde eine Scheibe ist.

Was können uns die Göttersprüche, die Ödipus Handeln so stark beeinflussen, heute bedeuten?

Göttersprüche sind Quatsch! Wer ist denn der Typ, der sie bringt? Irgendein Priester und irgendein politischer Feind übermitteln Ödipus solche Göttersprüche. Ich habe immer das Gefühl, dass es nur um partikulare Interessen geht, die diese angeblichen Göttersprüche stellvertretend durchsetzen sollen. Heute ist die Wissenschaft an die Stelle der Götter getreten. Sie darf noch „wahr-sprechen“. Allerdings ist alles nur so lange wahr, bis von der Wissenschaft das Gegenteil bewiesen wird. Womit Wissenschaftler übrigens gar kein Problem haben – sie wissen, dass das Durchsetzen einer Lehrmeinung ein hegemonialer Akt ist, der eine vorübergehende Wahrheit bestimmt.

Wäre es vermessen, Ödipus als modernen Menschen zu bezeichnen, der in der Komplexität von Welt nur Fragmente sehen kann, sich also nicht schuldig macht, indem er nicht erkennen kann, sondern dem es unmöglich ist, die Fragmente zusammenzusetzen, weil der das Große nicht sehen kann? Ist Ödipus nur Opfer?

Ich sehe Ödipus keineswegs nur als Opfer. Ich denke, damit würde man die Figur klein machen. Er ist Tatmensch, er übernimmt Veranwortung, er will alles „richtig machen“ und darin ist er ja fast schon naiv. Das ist vielleicht sein größter Fehler, dass er daran glaubt, dass man Sachen „richtig“ machen kann. Sartre hat uns das ja wunderbar auseinander gelegt, wie unmöglich es ist zu handeln und dabei frei von Schuld zu bleiben. Ödipus' Blindheit gegenüber dem Gesamtbild ist für mich zutiefst menschlich. Wer im Wald steht, sieht einfach nur Bäume – der Wald als solcher zeigt sich erst aus der Distanz.

Der Chor urteilt, er kommentiert, er befragt, er lenkt Aufmerksamkeiten, er lenkt Entscheidungen, er treibt voran. Du hast ihn mal als Mob bezeichnet. Wie meinst Du das?

Gegenüber der klassischen Idee des Chores als Gruppe von Weisen, die des Volkes Willen formuliert, bin ich äußerst skeptisch. Was ist denn „des Volkes Willen“? So etwas wie der „gesunde Menschenverstand“ oder das „Volksempfinden“!? Ich kenne diese Begriffe nur als Werkzeuge, um Menschen zu manipulieren, oder als Instrumente, um Grausamkeiten im Namen anderer zu begehen. So ein „Mob“ besteht aus einer Reihe von Individuen, die sich im Schutz der Gruppe  expliziter und unbeherrschter formulieren als sie es sonst tun. Wenn wir zwischen unser unmittelbares Denken und unser Handeln nicht eine Reflexion über unser Denken schalten, treten nicht die besten Seiten von uns Menschen zutage. Denn erst in dieser Reflexion werden Ethik und Empathie wirksam und beeinflussen unser Sprechen und Handeln. Dieser Filter fehlt einem Mob vollkommen. Deswegen zerfällt in unserer Inszenierung der Chor auch wieder in seine Einzelteile und tritt in Form von einzelnen SprecherInnen auf.

In und mit all Deinen Inszenierungen stellst Du Fragen, wirfst über den Haufen, was man zu wissen glaubt. Räumst mit Allgemeinplätzen auf. Was treibt Dich in der Arbeit?

Ich verstehe die Welt nicht. Fragen helfen mir, mit diesem Nicht-Verstehen umzugehen. Antworten sind für mich immer der vergebliche Versuch, die Welt zu fassen und reichen nie aus, um das zu formulieren, was ich formulieren will. Stets bin ich auf den guten Willen meines Gegenübers angewiesen, dass er oder sie über die Mangelhaftigkeit meines Ausdruckes hinweg sieht und die Lücke zwischen dem Gesagten und dem Unsagbaren im Sinne meines Denkens füllt. Es ist, glaube ich, genau diese Lücke, die mich antreibt, nach Ausdruck zu suchen, diese Lücke zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren, dem Fassbaren und dem Unfassbaren.

Regie              Dieter Boyer
Ausstattung     Ralph Zeger
Musik              Bernhard Fleischmann
Dramaturgie    Esther Holland-Merten

Ödipus               Tilo Krügel
Tiresias / Chor    Susanne Stein
Jokaste / Chor    Ellen Hellwig
Kreon / Chor      Hartmut Neuber
Magd / Chor       Caroline Junghanns
Bote / Chor        Karl-Sebastian Liebich
Priester / Diener / Chor    Constantin Lücke

Ödipus Tyrann - Heiner MüllerTilo Krügel, Caroline JunghansEllen Hellwig, Tilo KrügelTilo Krügel, Hartmut Neuber, Constantin Lücke, Ellen Hellwig, ChorÖdipus Tyrann - Heiner Müller
©2017 Dieter Boyer